Warum gute Geschichten selten aus Motivation entstehen
Es gibt diese Momente, in denen man merkt, dass man weniger schreibt, dafür aber umso mehr denkt. Keine produktive Phase im klassischen Sinn, keine Wortzahlen, keine Kapitelabschlüsse, sondern dieses leise, manchmal unangenehme Kreisen um Fragen, die sich nicht sofort beantworten lassen. Für mich sind das oft die Phasen, in denen ich mich meinen Charakteren besonders stark annähere. Nicht, um sie schneller durch eine Handlung zu treiben, sondern um zu verstehen, wie sie funktionieren, was sie innerlich antreibt, wogegen sie sich wehren, wovor sie ausweichen.
In letzter Zeit habe ich mich sehr intensiv mit meiner Protagonistin beschäftigt. Weniger schreibend, mehr fragend. Ich habe angefangen, mit ihr Interviews zu führen. Nicht, weil ich glaube, dass Figuren sprechen können, sondern weil das Fragenstellen selbst etwas freilegt. Manchmal nutze ich dafür KI, indem ich eine Biografie und einen groben Abriss der Geschichte vorgebe, um eine Art Resonanzraum zu schaffen. Als jemand, der aus dem Rollenspiel kommt, ist mir dieser Zugang vertraut. Es geht mir nicht um perfekte Antworten oder um „richtige“ Dialoge, sondern um Reibung. Um den Moment, in dem eine Figur anders reagiert, als ich es geplant hatte, und mir damit zeigt, dass ich sie vielleicht noch nicht vollständig verstanden habe.
Natürlich ist mir bewusst, dass eine KI kein Mensch ist und kein echtes Bewusstsein besitzt. Sie ersetzt weder Intuition noch literarische Entscheidung. Aber sie kann, wenn man sie richtig einsetzt, Fragen zurückwerfen. Und genau diese Rückfragen haben mich zu einem anderen Nachdenken geführt. Weg von der Figur, hin zum Lesen selbst. Zu der Frage, warum wir eigentlich bestimmte Geschichten auswählen und andere konsequent ignorieren.
Es gibt Bücher, die erzählen ihre Geschichte von Anfang an. Sie erklären, ordnen ein, nehmen jede Unsicherheit vorweg. Bereits auf den ersten Seiten wissen wir, wer zusammengehört, wie etwas gemeint ist, wohin alles führen wird. Und genau diese Bücher lege ich meist sehr schnell wieder zur Seite. Nicht aus Arroganz, nicht aus literarischem Snobismus, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Sie lassen mir keinen Raum.
Spannung entsteht für mich nicht dadurch, dass mir etwas behauptet wird, sondern dadurch, dass ich es mir erarbeiten muss. Ich will nicht hören, dass jemand der Richtige ist. Ich will sehen, wie eine Figur das herausfindet. Ich will Umwege, falsche Schlüsse, innere Widersprüche. Ich will mich als Leser irren dürfen. Ein gutes Buch ist für mich eines, bei dem ich mich verplane, bei dem ich glaube, die Lösung erkannt zu haben, nur um später festzustellen, dass ich vorschnell war. Überraschung ist kein Effekt, sie ist ein Prozess.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem des Schreibens. Denn während wir als Leser Unsicherheit verlangen, sehnen wir uns als Schreibende oft nach Klarheit. Nach Struktur, nach Motivation, nach einem Plan, der aufgeht. Motivation wird dabei gerne als Ausgangspunkt verklärt, als etwas, das vorhanden sein muss, damit eine Geschichte entstehen kann. Doch je länger ich schreibe, desto mehr habe ich den Eindruck, dass Motivation selten der Anfang ist. Sie ist eher ein Nachhall. Etwas, das wir im Rückblick benennen, um uns selbst zu erklären, warum wir trotz aller Widerstände geblieben sind.
Beim Schreiben legen wir unseren Figuren bewusst Steine in den Weg. Wir konstruieren Konflikte, verschärfen Situationen, lassen sie scheitern. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil wir wissen, dass Entwicklung ohne Widerstand unsichtbar bleibt. Interessant wird es in dem Moment, in dem eine Figur beginnt, sich dagegen zu wehren. Wenn sie fragt, warum ausgerechnet sie diese Last tragen muss. Und während wir ihr antworten, merken wir, wie sehr diese Argumente auch uns selbst gelten.
Denn wir Menschen funktionieren nicht grundlegend anders. Wir sagen, wir wollten Leichtigkeit, Stabilität, klare Wege. Aber wir misstrauen ihnen. Ein gerader Weg wirkt verdächtig, fast bedeutungslos. Also verkomplizieren wir. Wir zögern, verschieben, sabotieren. Beruflich, privat, kreativ. Nicht immer aus Angst, manchmal aus einem tief verankerten Bedürfnis nach Bedeutung. Schwierigkeit verleiht Gewicht. Ohne Reibung empfinden wir Fortschritt als leer.
Vielleicht lesen wir deshalb keine Geschichten, in denen alles von Anfang an klar ist. Vielleicht langweilen sie uns nicht, weil sie schlecht geschrieben sind, sondern weil sie uns nichts zutrauen. Sie nehmen uns die Erfahrung des Zweifelns, des Mitdenkens, des Sich-Verirrens. Und genau das ist es doch, was wir suchen. Nicht die Lösung, sondern den Weg dorthin.
Ein Buch wird für mich dann gut, wenn es mich zwingt, meine eigenen Annahmen zu hinterfragen. Wenn es mir nicht erlaubt, bequem zu bleiben. Wenn es mich überrascht, nicht durch einen plötzlichen Twist, sondern dadurch, dass es mich langsam, beinahe unmerklich, an einen Punkt führt, an dem ich merke, dass ich falsch lag. Das ist kein einfacher Effekt. Es ist vermutlich das Schwierigste am Schreiben überhaupt: sich nicht für die naheliegendste Lösung zu entscheiden. Nicht für die, die sich gut zusammenfassen lässt, nicht für die, die sofort verständlich ist.
Denn sobald alles zu glatt wird, verliert der Leser das Interesse. Eine Geschichte ohne Risiko liest man nicht zu Ende. Und vielleicht erzählen wir uns selbst auch deshalb keine Leben ohne Widerstände. Weil sie uns nichts über uns sagen würden.
Vielleicht entstehen gute Geschichten also nicht aus Motivation, sondern aus der Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Aus dem Mut, Dinge offen zu lassen. Und aus dem Vertrauen darauf, dass Leserinnen und Leser klüger sind, als wir ihnen manchmal zutrauen.